Ein Findling zwischen Steilküste und offener Ostsee
Am nördlichen Rand der Halbinsel Jasmund, dort wo die Kreideküste ausläuft und das Ufer flacher wird, liegt Lohme. Unterhalb des Ortes, im kleinen Hafen, öffnet sich der Blick auf die Ostsee – und auf einen Stein, der hier nicht hergehört und doch seit Jahrtausenden an seinem Platz liegt. Der Schwanenstein ragt wenige Meter vor dem Ufer aus dem Wasser, ein mächtiger, rötlicher Block, den Wellen umspült und der Wind nicht bewegen kann. Er ist kein spektakuläres Ziel wie der Königsstuhl, sondern ein stiller Ort. Gerade das macht ihn besonders.
Lohme – Rügens leiser Norden
Lohme ist kein Seebad im klassischen Sinn. Es gibt keine Promenade und keine Seebrücke, nur einen kleinen Hafen, ein paar Häuser über dem Steilufer und viel Himmel. Der Strand ist schmal und steinig, geprägt von Geröll und Findlingen, die die Gletscher der Eiszeit hier zurückgelassen haben. Wer aus Binz oder Sellin kommt, spürt sofort den Unterschied: Hier bestimmt nicht der Badebetrieb das Bild, sondern die Küste selbst.
Vom Hafen aus reicht der Blick an klaren Tagen weit über die Tromper Wiek bis zum Kap Arkona. Morgens liegt das Wasser oft still, am Abend färbt sich der Horizont über Wittow. In diesen Momenten wirkt der Schwanenstein wie ein fester Punkt in einer Landschaft, die sich ständig verändert – mit dem Licht, dem Wetter und den Jahreszeiten.
Ein Stein aus der Eiszeit
Der Schwanenstein ist ein Findling, ein Zeuge der letzten Eiszeit. Gewaltige Gletscher schoben damals Gestein aus dem Norden über die Ostsee und ließen es beim Abschmelzen liegen. Der rötliche Granit des Schwanensteins stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit von der Insel Bornholm. Rund 160 Tonnen wiegt der Block, etwa sieben Meter ist er lang und fünf Meter breit. Damit gehört er zu den größten Findlingen Rügens und ist heute als Geotop geschützt.
Ganz unverändert ist er dennoch nicht. Auf seiner Westseite zieht sich ein tiefer Riss durch den Granit, den gefrierendes Wasser über viele Winter langsam geweitet hat. So wie die Kreidefelsen wenige Kilometer weiter südlich ist auch der Schwanenstein Teil einer Küste, an der Wasser, Frost und Wind unablässig weiterarbeiten.
Die Sage vom Schwan
Seinen Namen verdankt der Stein einer alten Rügener Erzählung. Auf der Insel, so heißt es, bringt im Sommer der Storch die Kinder – im Winter aber übernimmt der Schwan diese Aufgabe. Bis es so weit ist, warten die Kinder im Inneren des Steins.
Es ist eine von vielen Sagen, mit denen die Menschen auf Rügen ihre Landschaft erklärt und belebt haben. Findlinge, die scheinbar ohne Grund in Feldern oder im Wasser lagen, gaben solchen Geschichten Raum. Der Schwanenstein trägt seine bis heute im Namen.
Winter am Schwanenstein
Im Winter zeigt sich der Ort von seiner eindrucksvollsten Seite. Wenn Frost über der Küste liegt, überziehen sich die Steine am Ufer mit einer dünnen Eisschicht, auf der Kuppe des Findlings bleibt Schnee liegen. Die Farben reduzieren sich auf Blau, Grau und Weiß, das Wasser wirkt dunkel und schwer. In dieser Stille tritt die Form des Steins besonders klar hervor.
Der Winter hat an diesem Ort aber auch eine ernste Seite. Im Februar 1956 brach ein plötzlicher Sturm das frisch gefrorene Eis vor Lohme auf. Drei Jungen aus dem Ort retteten sich auf den Schwanenstein, doch Sturm und Brandung machten jeden Rettungsversuch unmöglich. Eine Tafel in der Nähe erinnert an sie.
Über den Hochuferweg nach Lohme
Am schönsten erreicht man den Schwanenstein zu Fuß. Vom Königsstuhl führt der Hochuferweg oberhalb der Steilküste durch die Buchenwälder des Nationalparks Jasmund nach Norden. Immer wieder öffnet sich der Wald zum Meer, der Weg folgt dem Hanken-Ufer, quert den Gesnicker Bach und führt schließlich an steilen Hängen entlang hinunter nach Lohme. Unten im Hafen liegt dann der Stein im Wasser, als hätte er auf die Ankunft gewartet.
Wer nicht zurückwandern möchte, fährt mit dem Bus vom Ort zurück zum Parkplatz Hagen.
Der Schwanenstein im Bild
Robert Denier hat den Schwanenstein an einem Wintertag fotografiert, mit analoger Kamera und im Panoramaformat. Der Stein steht allein in der Bildmitte, um ihn herum viel Raum für Himmel und Meer. Auf seiner Kuppe liegt Schnee, die rund geschliffenen Steine im Vordergrund tragen Eis, das Licht ist kühl und klar. Das Bild zeigt beides zugleich: die Kraft, mit der diese Küste entstanden ist, und die Ruhe, die sie heute ausstrahlt.
Wie die weiße Steilküste südlich von Lohme entstanden ist, beschreibt der Beitrag über die Kreidefelsen auf Rügen. Mehr über die steinigen Ufer im Norden der Insel und ihre Findlinge lesen Sie im Beitrag über die Strände der Insel Rügen.


