Vom Anleger zum Wahrzeichen
Seebrücken sind keine Dekoration. Sie entstanden aus einer konkreten Notwendigkeit: Um 1900 gab es noch keine feste Verbindung zwischen Rügen und dem Festland. Dreiviertel aller Gäste des Seebades Binz reisten noch mit dem Schiff an. Das Problem war das flache Küstenwasser – größere Schiffe kamen nicht nah genug an den Strand heran. Passagiere und Gepäck mussten auf kleine Boote umgeladen werden, ein mühsames und bei schlechtem Wetter gefährliches Unterfangen.
Die Seebrücke löste dieses Problem. Sie überbrückte das Flachwasser und gab den Schiffen einen festen Anlegepunkt weit draußen im tieferen Wasser. Was heute als pittoreskes Wahrzeichen gilt, war damals schlichte Infrastruktur – eine Landungsbrücke, nicht mehr und nicht weniger.
Was heute als pittoreskes Wahrzeichen gilt, hat eine raue Geschichte – Sturmfluten, Packeis und Krieg haben die Brücken mehrfach vernichtet. Wer Rügen im Winter erlebt, versteht warum: Die Ostsee ist zu dieser Jahreszeit eine andere. Was heute steht, ist jeweils ein Wiederaufbau aus den 1990er Jahren, der sich an den historischen Vorbildern orientiert. Diese Geschichten sind es, die den Brücken ihre Tiefe geben – über das Fotografische hinaus.
Die Seebrücke Binz – eine Geschichte aus Unglück und Neuanfang
Die erste Seebrücke entstand in Binz 1902 als 560 Meter langes Bauwerk aus Holz. Sie war für ihre Zeit bemerkenswert ausgestattet: elektrische Beleuchtung, erzeugt durch eine Dampfmaschine in der Nähe des Kurhauses, und ein Restaurant am Brückenkopf. Nach nur einem Jahr Bauzeit wurde am 22. Juli 1902 die erste Seebrücke Rügens eröffnet.
Sie hielt nicht lange. In der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1904 zerstörte eine Sturmflut die Binzer Seebrücke. Zwei Jahre später stand sie wieder – stabiler gebaut, 1910 umbenannt in „Prinz-Heinrich-Brücke“. Dann, im Juli 1912, ereignete sich das schwerwiegendste Kapitel ihrer Geschichte: Bei einem Anlegemanöver fuhr ein Dampfer auf die Seebrücke auf, wobei die Anlegestelle zusammenstürzte und Menschen in das Wasser gerissen wurden. Bei diesem Unglück ertranken 16 Menschen. Die Konsequenz aus dieser Tragödie war ungewöhnlich weitreichend: Daraufhin rief der Deutsche Schwimmverband zur Gründung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) auf – nur wenige Monate später, im Herbst 1913, wurde die Vereinsgründung in Leipzig offiziell gefeiert.
1942 zerstörten Eisschollen die Seebrücke Binz ein zweites Mal. Es sollten über 50 Jahre bis zu einem Neubau vergehen. Im Mai 1994 wurde die neue Binzer Seebrücke eingeweiht – 370 Meter lang, drei Meter breit, die zweitlängste auf Rügen. Sie hat keine Aufbauten, keine Gastronomie, keinen Schmuck. Nur die Brücke, das Wasser, der Horizont.
Heute ist sie der Startpunkt für viele Ausflugsziele und das Wahrzeichen des Ostseebads. Fahrgastschiffe laufen den Brückenkopf an und bringen Besucher zu den Kreidefelsen auf Jasmund, zum Kap Arkona und entlang der Küste. Jedes Jahr im September feiern die Binzer ein dreitägiges Seebrückenfest direkt auf der Brücke – mehr dazu auf der offiziellen Seite des Ostseebades Binz.
Die Seebrücke Sellin – die längste der Insel
Die erste Seebrücke in Sellin, 508 Meter lang, entstand 1906. Auch sie hatte ein Restaurant am Brückenkopf und diente als Anlegestelle für Passagierschiffe. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihr: Packeis beschädigte die Konstruktion 1918 und 1924 schwer, 1920 zerstörte ein Brand den Brückenkopf.
1925 entstand eine neue Seebrücke mit Konzerthalle und Lesehalle. Durch schweres Eisschollentreiben wurde diese im Winter 1941/42 erneut fast vollständig zerstört. Nur das Brückenhaus blieb übrig und diente in den folgenden Jahrzehnten als Tanzlokal.
Der Wiederaufbau nach der Wende war kein selbstverständlicher Vorgang. Der Selliner Seebadfotograf Hans Knospe hatte seit der Sperrung 1978 darum gekämpft, dass die Seebrücke wieder aufgebaut würde. Als 1991 Bundespräsident Richard von Weizsäcker Sellin besuchte, fand er einen engagierten Mitstreiter. Knospes Aufnahmen dienten als Vorlage – die Seebrücke wurde in ihrer historischen Gestalt von 1927 wiedererrichtet. Am 2. April 1998 wurde sie offiziell freigegeben.
Mit einer Länge von 394 Metern ist die Selliner Seebrücke die längste der Insel Rügen. Anders als in Binz hat sie Aufbauten – Restaurants, eine Konzertbühne, und am äußersten Ende eine Tauchgondel, die Besucher einige Meter unter die Oberfläche der Ostsee hinabführt.
Licht, Tageszeit und Perspektive
Seebrücken verändern sich mit dem Licht. Morgens, wenn die Sonne noch tief steht und kaum Besucher unterwegs sind – der Strand vor der Seebrücke gehört dann fast nur dem Wasser und dem Licht. Das Wasser ist ruhiger, das Licht wärmer, die Brücke wirkt länger als sie ist. Abends kehrt sich das um – das Kunstlicht setzt sich gegen den dunkler werdenden Himmel ab, die Spiegelungen im Wasser werden schärfer.
Das Bild der Seebrücke bei Nacht ist ein anderes Motiv als das Bild bei Tag. Beide erzählen von demselben Bauwerk, aber sie erzählen Verschiedenes – das eine von Weite und Stille, das andere von Licht und Konstruktion. Auf Rügen, wo das Wetter schnell wechselt und der Himmel selten langweilig ist, entstehen an der Seebrücke Bilder, die man so nirgendwo sonst findet.
Die anderen Seebrücken der Insel
Binz und Sellin sind die bekanntesten, aber nicht die einzigen. In Göhren am südöstlichen Ende der Insel steht seit 1993 eine 270 Meter lange Seebrücke am Nordstrand – die erste, die nach der Wiedervereinigung auf Rügen neu gebaut wurde. Sie ist schlichter als Sellin und weniger belebt als Binz, hat dafür einen weiten Blick auf das Kap Nordperd und die offene Ostsee. Göhren hatte übrigens bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine Seebrücke, die seinerzeit die längste Seebrücke Deutschlands war.
Im Nordwesten der Insel gibt es zudem eine kleine Seebrücke in Dranske – weitgehend unbekannt, kaum besucht, ohne touristischen Betrieb. Sie ist das stille Gegenstück zu den großen Brücken des Ostseebades.
Häufige Fragen zu den Seebrücken auf Rügen
Insgesamt gibt es vier Seebrücken auf Rügen. Die bekannteste befindet sich in Sellin. Außerdem gibt es Seebrücken im Ostseebad Binz und Göhren. Die kleinste Seebrücke Rügens ist in Dranske zu finden.
Die Seebrücke Binz ist 370 Meter lang und damit die zweitlängste Seebrücke auf Rügen. Sie wurde 1994 neu errichtet und hat keine Aufbauten.
Die Seebrücke Sellin ist mit 394 Metern die längste Seebrücke auf Rügen. Sie wurde 1998 nach historischen Vorbildern wiederaufgebaut und verfügt über Restaurants und eine Tauchgondel.
Die erste Seebrücke in Binz entstand 1902, die in Sellin 1906. Beide wurden mehrfach durch Sturmfluten und Packeis zerstört. Die heutigen Brücken wurden nach der Wende in den 1990er Jahren wiederaufgebaut.
Das Unglück von 1912, bei dem beim Anlegen eines Dampfers 16 Menschen in der Ostsee ertranken, war der direkte Anlass zur Gründung der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) im Jahr 1913.
Kurz nach Sonnenaufgang liegt das Licht tief, das Wasser ist ruhig und kaum Besucher sind unterwegs. Abends setzt das Kunstlicht der Brücken einen starken Kontrast zum dunkler werdenden Himmel – besonders die Selliner Seebrücke bei Nacht ist dann ein eigenes Motiv.
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